"Combray, von ferne gesehen, aus einem Umkreis von zehn Meilen, von der Eisenbahn aus, wenn wir in der letzten Woche vor Ostern dort ankamen, war nur eine Kirche, die die Stadt zusammenfaßte, die sie vertrat, die in der Ferne von ihr und für sie sprach und die, wenn man näherkam, um ihren hohen, düsteren Kragenmantel herum mitten im Feld gegen den Wind wie eine Hirtin ihre Schafe die wolligen, grauen Rücken der zusammengescharten Häuser dicht beieinanderhielt, die ein Rest Stadtmauer aus dem Mittelalter hier und da mit einer ebenso vollkommen kreisrunden Linie umgab wie auf einem spätgotischen Bild. Zum Bewohnen war Combray etwas trübselig, wie auch seine Straßen mit den aus dem schwärzlichen Stein der Gegend gebauten Häusern, zu deren Eingang äußere Stufen führten und deren Giebel vor ihnen so viel Schatten verbreiteten, daß man, sobald der Tag sich neigte, gezwungen war, in den zur Straße gehenden Räumen die Stores hochzuziehen; es waren Straßen mit ernsten Heiligennamen (von denen manch einer mit der Geschichte der ersten Herren von Combray zusammenhing); Rue Saint-Hilaire, Rue Saint-Jacques, in der sich das Haus meiner Tante befand, Rue Saint-Hildegarde, auf die das Eingangstor ging, Rue du Saint-Esprit, auf die sich die kleine Seitenpforte ihres Gartens öffnete; und diese Straßen von Combray fristen ihr Dasein in einem so entlegenen Teil meines Gedächtnisses, der mit so anderen Farben getönt ist, als sie heute die Welt für mich trägt, daß sie mir in Wahrheit alle samt der Kirche, die den Platz beherrschte, noch unwirklicher erscheinen als die Projektionen der Laterna magica; und es kommt mir in manchen Augenblicken so vor, als ob die Möglichkeit, noch einmal die Rue Saint-Hilaire zu überschreiten oder ein Zimmer in der Rue de l'Oiseau zu mieten - in der alten Herberge zum 'Oiseau Flesché', aus deren Kellerfenstern ein Küchengeruch aufstieg, der noch manchmal genauso intermittierend und genauso warm in meiner Erinnerung wiederkeht - eine weit wunderbarere Kontaktnahme mit einer anderen Welt bedeuten würde als etwa die persönliche Bekanntschaft mit Golo oder eine Unterhaltung mit Genoveva von Brabant."
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Unterwegs zu Swann
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